Iversons Comeback in Philly

Die Geschichte. Allen Iverson wird in der kommenden Nacht gegen die Denver Nuggets wieder für die Franchise auflaufen, die ihn 1996 an erster Stelle der Draft zog, die Franchise, die er 2001 ins NBA-Finale truf, die Franchise, die ihn vor fast genau drei Jahren (am 19. Dezember 2006) nach einigen Querelen in die Rocky Moutains schickte. Dass „The Answer“ wieder für die Philadelphia 76ers auflaufen wird, ist schon seit Tagen keine Neuigkeit mehr und doch eines – nein – das aktuellste Thema in der NBA. Es ist eine typisch amerikanische Geschichte werden einige sagen und damit durchaus Recht haben, vor allem ist das Comeback in Philly aber die letzte Chance für Allen Iverson in der NBA.

Die Ausgangslage Teil 1. Schon im Sommer bekam Iverson nur wenige oder aus seiner Sicht schlechte Angebote, sonst wäre er kaum nach Memphis gegangen. Einem Team, das mit den Playoffs ungefähr so viel zu tun hat wie Dieter Bohlen mit guter Musik. Und auch Philly wird mit Sicherheit nicht um die Larry O’Brien Trophäe spielen, sondern froh sein in die Playoffs zu kommen. Die Top-Teams der Liga wollten sich Iverson nicht ins Team holen. Keinen Spieler, der das Teamgefüge mit seinem Ego zerstört und alle Titelchancen pulverisiert. Zu uneinsichtigt zeigte sich Iverson in Detroit und zuletzt in Memphis. Er wolle starten, er wolle das Team tragen – das waren seine Worte. Doch die Antwort befindet sich nicht mehr in der Form, in der er in jedem Spiel 50 Punkte machen konnte. AI ist 34 Jahre alt und für einen Spieler seiner Größe mit seinem Spiel schon deutlich über den Zenit seines Schaffens hinaus. Sein Stil behindert die Entwicklung der jungen Talente. Die NBA hat das schon längst erkannt, doch AI augenscheinlich nicht. Als sofortige Feuerkraft von der Bank, als punktender Spielmacher, könnte er für viele Teams wertvoll sein, doch die Bank, das ist nicht der Ort, an dem ein Allen Iverson zu Spielbeginn sein will. Er gehört auf das Parkett. In die Starting Five. Das meint er. Zu diesem Schluss muss man einfach kommen. Insbesondere wenn man dieses Interview auf „3 Shades of Blue“, dem Grizzlies-Blog in ESPNs TrueHoop-Netzwerk, mit Grizzlies-Besitzer Michael Heisley liest.

Die Rückkehr. Iversons Glück war das Pech eines anderen. Hätte sich Louis Williams, Sixers-Starter auf der Eins (checkt die neue FIVE ab 18.12. für eine Story über Lou), nicht den Kiefer gebrochen und würde acht Wochen ausfallen, AI wäre vermutlich wirklich in Rente gegangen – oder anders formuliert, wäre in Rente gegangen worden. Jetzt ist er aber zurück in der Stadt, die so hart zu ihren Stars ist wie keine andere. Die Stadt, die sogar den Weihnachtsmann ausbuht. Die Stadt, die Allen Iverson liebt, wie keinen anderen Athleten.

Wer die PK zum Comeback von AI gesehen hat, dem wird warm ums Herz geworden sein und gedacht haben „diesen Jungen muss man einfach mögen und diesmal, ja diesmal, schafft er es wirklich. Er hat es begriffen.“ Iverson sagte die richtigen Dinge und blieb trotzdem er selbst. In all den Jahren im Rampenlicht und der Knochenmühle NBA ist AI „real“ geblieben, hat sich nicht verbiegen lassen. Das zeichnet ihn aus, das fordert Respekt, egal was man sonst von ihm halten mag. Er wolle das tun, was Coach Eddie Jordan von ihm verlange. Er wolle alles tun, um zu helfen. Aber er werde Fehler machen, er sei nur ein Mensch, wie jeder andere auch. Doch hat er wirklich begriffen, dass dieser Vertrag in Philadelphia seine letzte Chance ist? Dass er beweisen muss, dass er auch anders kann? Nicht ohne Grund ist sein Vertrag zunächst nicht garantiert. Vielleicht tat es Iverson gut, dass kaum ein Team Interesse an ihm zeigte und auch bei den Sixers spielte nicht allein sein Können eine Rolle. Der Zuschauerschnitt der 76ers ist ruinös. Gerade mal 11.965 Fans verirrten sich in den ersten acht Heimspielen in die Halle. Schlappe 58,9 Prozent. Und diese Zahlen sind durch zahlreiche Promotions, durch die viele Fans quasi für lau in die Arena kommen können, schon geschönt. AI garantiert zumindest deutlich mehr Zuschauer und sollte auch die Merchandising-Absätze ordentlich in die Höhe treiben. Wer will nicht das neue (stylische) Sixers-Jersey mit der „3“ und „Iverson“ auf dem Rücken. Das ist für den Front Office sicher eine mehr als angenehme Zugabe in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Die Ausgangslage Teil 2. Die Sixers stehen nicht nur finanziell miserabel da, neun Spiele in Folge gingen verloren. Insgesamt 15 von 20 Partien. Schlimmer kann es also kaum werden. Jetzt ist auch noch Lou Williams, der einer der wenigen Lichtblicke war, verletzt. Was kann Iverson also noch kaputtmachen? Er könnte die Entwicklung der jungen Spieler behindern. Jrue Holiday, der ohne Iverson Starter wäre, rückt wieder ins zweite Glied. Holiday ist aber auch blutjung. Entscheidend wird sein, dass er nicht versucht sich Iversons Spiel abzuschauen. Wenn Williams zurückkommt und Iverson dann weiterhin starten soll, wird er entweder auf die Bank oder die Vier rücken. Beides wären keine besonders guten Optionen für den 21-Jährigen Small Forward. Auch Williams selbst wird betroffen sein. Für diese Saison wird Iverson eine Verstärkung für Philly sein, ob er dem Team auch langfristig hilft, bleibt abzuwarten.

Die Schlussfolgerung. Mit Allen Iverson werden die Sixers besser dastehen als momentan – sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Es war also die richtige Entscheidung ihn zu verpflichten. Ich halte es trotzdem für unwahrscheinlich, dass es für die Playoffs reicht. Das liegt aber weniger an AI, als am System. Mit Coach Jordan kam vor der Saison die Princeton Offense. Eine der komplexesten Angriffsphilosophien, die es gibt. Die Wizards, bei denen Jordan vorher Coach war, rissen in dessen erste Saison nichts und verloren 57 Partien. Das gleiche Schicksal droht den Sixers. Und das alleine aus dem Grund, dass das Team eigentlich nicht die geeigneten Spieler für die Princeton Offense hat. Deshalb wird der Lernprozess noch länger dauern. Von Vorteil ist es, dass Iverson wie Williams ein punktender Guard ist, der aber auch die ein oder andere Vorlage geben kann, sodass sich das Team nicht wesentlich umstellen muss. Williams ist aber ein deutlich besserer Schütze, der dadurch Räume schafft.

Wir alle dürfen also mehr als gespannt sein, wie Iverson spielen und sich verhalten wird. Es wäre doch eine schöne Geschichte, wenn Iverson die Sixers ein letztes Mal in die Playoffs führen und dann in den Sonnenuntergang reiten würde. Typisch amerikanisch eben. Typisch Iverson wäre es aber, wenn es ganz anders kommt.

Nach verschiedenen Berichten in der amerikanischen Presse wird Iverson heute Nacht starten. Ich werde mir das Spiel angucken und dann morgen ausführlich über die Rückkehr der Antwort berichten.

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